Verfasst von: Der Geheime Eulenclub | 17. März 2011

Bekennend homosexuell als Pastor/in: Mut oder Masochismus?

Ich habe heute in der Online-Präsenz der Südwest Presse einen Artikel über die Synode der württembergischen Landeskirche gelesen, bei der darüber diskutiert wird, ob Homosexuelle Pfarrer sein können. Diese Diskussion berührt auch die Frage, wie man mit der heiligen Schrift umgehen soll. Die Autorinnen des Artikels befragen zu dem Thema auch einen homosexuellen Pastoren, der von seinen Erfahrungen in der Gemeinde berichtet. Er hörte sich nach einem netten, gewissenhaften Mann an, der gute Arbeit leistet. Dennoch ist die Wut immer weiter in mir hochgekocht, je mehr ich gelesen habe. Das liegt nicht an ihm, sondern an der Position, die er vertritt und die ich für ehrenwert halte, für mich selbst aber vollkommen ausschließe. Und es liegt an Grundsatzfragen.

Als Lesbe oder Schwuler kann man sich im besten Fall aussuchen, wann und wie man sich outet, wenn man in eine neue Gruppe (Arbeit, Wohngegend, Sportverein etc.) eintritt. Da gibt es drei Möglichkeiten: 1. sofort, 2. wenn man die Leute besser kennt und schon Freunde hat, 3. nie. Im schlechtesten Fall macht dir jemand den Rosa von Praunheim. Ich persönlich würde immer 1. (also  sofort) wählen, weil ich dann wenigstens weiß, woran ich bin.

Beim Arbeitgeber gibt es verschiedene Punkte, an denen man feststellen kann, ob er oder sie homophob ist: 1. man denkt es sich irgendwie, wenn man nach dem Outing schlechter behandelt wird, 2. man liest die Bewertung auf einer dieser fancy “Wie homophob ist dein Arbeitgeber?”-Webseiten, 3. man weiß es verdammt nochmal schon vorher.

Da liegt für mich der Hund begraben: Ich würde nie nie nie nie nie bei einer Organisation oder Institution anfangen zu arbeiten, von der ich vorher weiß, dass sie darüber erst diskutieren muss, ob ich genau so viel wert bin wie ein Heterosexueller. Da gibt’s nichts zu diskutieren. Ich bin es einfach.

Seien wir mal ganz ehrlich: Homophobie gibt’s überall, manchmal versteckter, manchmal offener. In der Kirche jedoch – und eben nicht nur in der katholischen – wird so eine Diskussion nicht hinter verschlossenen Türen geführt, weil sie den meisten zu Recht peinlich ist (was schon schlimm genug wäre!), sondern gewohnheitsgemäß offen, so als wenn alle die Frage für legitim halten. Die Frage ist nicht legitim, und wer hier mit der Bibel argumentiert, schiebt diese genau so scheinmäßig vor wie es “Wissenschaftler” tun, die mit dubiosen Studien die Unterlegenheit einer anderen Rasse belegen wollen.

Um das klarzustellen: Ich halte nicht die Bibel an sich für dubios, ganz im Gegenteil, aber ich halte es für dubios, sich die persönlichen Sahnestückchen herauszupicken, die anderen links liegen zu lassen, und bei jeder Kritik sofort zu brüllen: “Fass das nicht an, das ist heilig!”

Eine Diskussion darüber, ob Homosexualität laut Bibel widernatürlich und schöpfungswidrig ist, läuft simpel gesagt immer gleich ab. Die Pro-Position zieht die Leviticus 18:22-Karte und sagt: “Da habt ihr’s! Homosexualität ist bähbäh.” Die Kontra-Position zieht eine andere Leviticus-Karte, zum Beispiel 15:19-24, und sagt: “Seid ihr etwa auch dafür, alle Frauen während ihrer menstrualen Unreinheit von der Gemeinschaft abzusondern und nichts mehr anzufassen, was sie angefasst haben? Tötet ihr jeden, der das nicht einhält?”. Solche Diskussionen können großen Spaß machen, wenn man die Kontra-Partei ist und sich gut mit der Bibel auskennt. Wer sich von euch das Rüstzeug dazu anlesen möchte, sei an dieser Stelle auf die ausgezeichnete Linksammlung der Lesbischen und schwulen Basiskirche Basel verwiesen.

Doch so spaßig diese Diskussionen auch sein können, gehören sie für mich doch an eine Kneipentheke oder an eine Kirchenkaffeetafel und nicht in die Synode einer Landeskirche. Auch im sächsischen Landtag wird mit der NPD nicht erstmal grundlegend durchdiskutiert, ob jeder Mensch jeder Nationalität prinzipiell gleich viel wert ist. Ebenso sollte auch die Synode einer Landeskirche sich klarer von den rechten Meinungen ihrer Erzkonservativen distanzieren und nicht ihre Zeit mit so einem Humbug verschwenden.

Nun zurück zum schwulen Pastoren: es ist mutig und ehrenwert, bekennend schwuler Pastor oder bekennend lesbische Pastorin zu sein, aber es ist auch sehr masochistisch. Du darfst dir sogar noch weniger als jede/r heterosexuelle Pastor/in einen Fehltritt leisten, stehst immer im Fokus, wirst als Positiv- oder Negativbeispiel von jedem Hans und Franz herangezogen, obwohl du nur leben willst wie du bist. Ich würde genug Mut und genug Masochismus aufbringen, so ein Leben zu führen, wenn ich wüsste, mein Verein steht hinter mir. Aber so? Niemals. Wahrscheinlich liegt es daran, dass ich nicht genügend (institutionellen) christlichen Glauben habe, aber ich könnte es einfach nicht – es wäre für mich doch zu sehr ein Job und keine Berufung.

Was ist eure Meinung? Seht ihr das ähnlich wie ich oder ganz anders? Es wäre sehr schön, wenn ich ein paar andere Stimmen hören würde.

Hanna


Antworten

  1. Es ist masochistisch, in einer Institution zu arbeiten, die dominierend und unterdrückend agiert.

    Da braucht eine auch nicht Pfarrerin zu sein, um das zu Problem haben.
    Sozialpädagogin in einer kirchlichen Einrichtung wie z. B. KiGa, KiTa, Hausaufgabenhilfe o. ä. reicht auch.
    Was sich der Pfarrer als Vorgesetzte oder irgendwelche “Leitungspersonen” leisten, im Umgang mit Lesben ist wirklich übelst. Die Kirche kann kündigen, denn gleichgeschlechtliches Leben entspricht nicht der Moralphilosophie der Kirche, die Arbeitnehmer_innen befolgen müssen. Die Kirche darf das, mit ihren Sonderrechten für Arbeitsverträge und -recht.
    Wer offen lebt, bekommt Ärger. Mir irgendwelchen Eltern, die Druck auf Vorgesetzte ausüben, damit entlassen wird.
    Und die Arbeitsämter vermitteln bei Arbeitslosigkeit fast immer an kirchliche Organisationen, weil die Kirche ein großer “Arbeitgeber” ist, ablehnen darf das keine.
    Schweigen über Lesbischsein oder Leiden!

    Was ich auf Diskussionen zum Thema Homosexualität in der ev. Kirche gehört habe, auch von Moraltheologen, ist nur noch widerwärtig. Da werden Menschen Rechte abgesprochen; sie sollen das(!) gefälligst nicht zeigen; Ehe ist die einzige richtige Verbindung zwischen Menschen; das(!) bekommen nur verweichlichte Menschen; wir möchten keine einstellen, die …

    Die Kirche kann verzichten auf Menschen. Wer glaubt, als Berufung dort arbeiten zu wollen, muss eben viel aushalten.
    Ich würde selbst keine kirchliche Organisation unterstützen, wenn ich die Wahl hätte. Leider muss ich Steuern zahlen, von denen auch die Kirchen übermäßig mitfinanziert werden. Aber das ist ein anderes Thema.

    Ich respektiere die Meinung der Kirchen lange nicht mehr, ausgetreten bin ich schon mit 25. Aber deren Einfluss reicht halt doch sehr weit, wenn nicht auf mich, dann halt auf die Nächsten oder Freund_innen, die noch nicht bekenntnislos sind und/oder im Sozialen Bereich arbeiten müssen.

    Als Lesbe fühle ich mich in einer christlich dominierten Gesellschaft keinesfalls wohl und frei.

  2. Ich seh das, wie du ja schon gelesen hast, sehr ähnlich wie du. Dennoch zweifel ich oft daran, ob das die richtige Einstellung ist.
    Ich hatte mit meinen Eltern die Regelung, dass ich den Konfirmandenunterricht mitmachen muss, damit ich mich mit dem (institutionalisierten) Glauben auseinandergesetzt habe, bevor ich ihn ablehne oder eben nicht. Nun bin ich halt eben nicht konfirmiert.
    Damals habe ich aber nicht gesehen, wie viele kirchlich finanzierte karitative Einrichtungen es gibt, die eine wahnsinnige Lücke hinterlassen würde, fielen sie weg. Außerdem gibt es in den Dörfern keine anderen Organisationen, die sich um die älteren Menschen (emotional und physisch) kümmern würden. Das macht die Kirche wirklich gut – und das gibt ihr auch einen riesigen Einfluss.
    Einfluss zu haben und etwas gut zu machen ist natürlich kein Freifahrtsschein dafür, auch die Moral bestimmen zu dürfen. Und hier ist der Punkt: Wenn alle Leute, die so wie du, GwenDragon, und ich denken, austreten, dann hinterlässt man doch einen riesigen Verein mit viel Geld und Einfluss den Heterosexuellen, die das Thema “Homosexualität im Pfarrhaus” gar nicht diskutieren müssten, wären da nicht ein paar mutige Masochisten. Ist es da nicht eigentlich feige von uns, wenn wir uns aus der Affäre ziehen? Anders gesagt, ist es ok, wenn einem der private Frieden, ohne das Gefühl, keinen Rückhalt zu haben, wichtiger ist?
    Ich denke mir manchmal, ich sollte aktiv in der Kirche mitarbeiten (also rein in die Organisation und von innen aufmischen), aber das wäre irgendwie fake, weil ich emotional null Verbindung dazu habe – außer dass ich mich oft schrecklich über sie aufrege.

  3. Ich hatte eine Zeit lang mal bei HuK mitgearbeitet, war aber im Endeffekt ohne Auswirkungen.

    Was caritative Organisationen ablengt, ist deren Arbeit ja teilsweise gut, nur wird sie ja nicht uneigennützig gemacht.
    Und ganz ehrlich, ich und anderen Menschen möchten auch bei Krankheit und im Alter die Möglichkeit haben, nicht von christlichen “Seelsorgern” ohne weitere Lebenserfahrung belästigt zu werden, die meine Seele retten wollen oder mich bekehren.

    Ich habe meinen Glaubensgau schon fast 30 Jahre hinter mir. Zudem ich Monotheismus nicht mag, sondern anders (gesellschaftlich und christlich unakzeptabel) spirituell lebe.

    Kirche ist für mich wie Atomkraft. Sie strahlt zu lang repressiv in die Kultur. Bei Christentum ist einfach die Halbwertszeit zu lang.
    NEIN – Danke!

  4. Ich befürchte fast, dass karitative Arbeit nie wirklich uneigennützig ist. Das heißt ja nicht, dass automatisch schlecht ist, was dabei herumkommt. Und ich glaube schon, dass viele alte Menschen so etwas wie den ehrenamtlichen Besuchsdienst der Kirche oder den Seniorenkaffee sehr gut finden. Im Endeffekt bleibt es den Leuten ja selbst überlassen, ob sie dieses Angebot annehmen.
    Ich verstehe aber schon – und kann es sogar teilweise am eigenen Leib gut nachvollziehen – was dich so verletzt und ärgert an der Kirche. Deswegen habe ich diesen Eintrag ja geschrieben. Ich glaube, dass der Hauptunterschied zwischen uns ist, dass ich generell nicht wirklich gläubig bin und mich nie in einer religiösen Einrichtung engagiert habe. Deswegen ist deine Verletzung persönlicher als sie es für mich sein kann – das Ganze war nie mein Verein, deiner schon. Ich interessiere mich prinzipiell für jede Religion und rege mich nur über das Christumtum besonders auf, weil es, wie du schon gesagt hast, in unserer Gesellschaft in jeden Bereich strahlt und sich seine Institutionen deshalb in manchen Bereichen sehr sehr sehr ändern müssen, um sich der Realität anzupassen und nicht manche Menschen zu diskriminieren.
    Meine Frage ist deshalb, ob es prinzipiell mehr mutige Masochisten braucht, um (in diesem Fall) die evangelische Kirche zum Besseren zu verändern, oder ob ein Boykott vielleicht helfen würde. Ein gutes Argument für “Rein in die Institution und von innen aufmischen” ist sicherlich, dass die Kirche ohne aktive Homosexuelle gar keine Not hätte, überhaupt über das Thema nachzudenken, was traurig genug ist. Ich würd’s aber – aus oben genannten Gründen – nicht machen. ich könnte nicht für jemanden arbeiten, der meine Daseinsberechtigung anzweifelt. Mein Fazit ist also ein wenig schizophren. Ein Teil von mir sagt: Applaus für euch, ihr tapferen Masochisten! Wir brauchen mehr von euch! Ein anderer Teil sagt: Wie könnt ihr nur für jemanden arbeiten, der uns so behandelt??? Ich würde das nie tun!

  5. Hallo Hanna,

    ich denke nicht, dass die homo- und transsexuellen Pfarrer_innen masochistisch sind. Wenigstens nicht mehr als der Rest der Bevölkerung auch :-) Die Diskussionen, die sie derzeit „ertragen“ müssen, haben andere Berufsfelder bereits hinter sich (Politik z. B.) und bei manchen steht vielleicht noch bevor, obwohl mir spontan da gerade nichts einfällt.

    Es gibt allerdings einen Unterschied: Nach Jahrzehnten des Schweigens wird nun wirklich offen darüber geredet und gestritten. Das war in der Politik ganz anders gewesen. Erst gab es dort anscheinend überhaupt keine Homosexuellen, allerdings unheimlich viel Klatsch und Tratsch hinter dem Rücken der Betroffenen. Dann kam Wowereits Outing und das war es dann gewesen. Mit der Konsequenz, dass viele „Unbedarfte“ nicht mitgenommen wurden und sich bei dem Thema immer noch sehr unwohl und unter Druck gesetzt fühlen.

    Mit extrem homophoben Idiot_innen, die mich vielleicht sogar „heilen“ wollen, würde ich sicher nicht diskutieren und wenn die evangelische Kirche zum Großteil aus ihnen bestünde, wäre ich auch schon längst ausgetreten. Doch persönlich habe ich die Erfahrung gemacht, dass der offene Umgang Menschen, die von dubiosen Vorurteilen geprägt sind, dabei hilft, ihre Einstellung zur Homosexualität allmählich zu ändern. Das fängt mit „Eigentlich sagt die Bibel doch …“ an und geht über zu „… aber ich kenne da eine Lesbe, die ganz nett ist …“ und endet bei „Warum sollen denn im Pfarrhaus keine lesbischen und schwulen Paare wohnen?“

    Btw: Ich habe Deinen Blog bei LesBlog (http://www.karnele.de/LesBlog) aufgenommen

  6. Liebe Nele!
    Hm, vielleicht hast du recht. Eine offene Diskussion ist vielleicht ehrlicher und nimmt mehr Leute mit, wie du sagst. In der Politik ist es ja tatsächlich so, dass viele sich auf Wowereit und Westerwelle ausruhen und sagen, so homophob können wir ja nun nicht sein, guckt mal wer uns da vertritt. Es wäre auf die Kirche bezogen sicherlich unehrlicher, so zu tun, als gäbe es die homophoben Iditiot_innen nicht, anstatt in die offene Konfrontation zu gehen. Und mit dem offenen Umgang stimme ich dir zu. Ich habe bei vielen Leuten in meinem Umkreis die Erfahrung gemacht, dass ein offener, diskussionsfreudiger Umgang Vorurteile abbaut.
    Ich halte es für mich persönlich für falsch, ausschließlich oder großteils mit queeren Menschen befreundet zu sein. Ich mag die Diversität in jedem Bereich und bin froh über jede Diskussion, in der ich Meinungen von mir “entdogmatisieren” oder Menschen durch gute Argumente von meiner Haltung überzeugen kann. Ich gehe gerne ab und zu in die Kirche, weil ich eine gute Predigt für eine gute Rede zu einem Thema halte, die mich vielleicht auf neue Gedanken dazu bringt. Ich würde aber nicht in eine Kirche eintreten, die meinen Wert diskutieren muss, auch wenn ich verstehe, dass das nicht alle in der Kirche tun, genau so wenig wie ich mich verpartnern würde, so lange zwischen der Eingetragenen Partnerschaft und der Ehe noch irgendwelche Unterschiede bestehen. Irgendwie fühlt sich das für mich so an, als würde ich damit einen faulen Kompromiss eingehen. Und das meine ich mit dem Masochismus. Als queerer Pastor oder queere Pastorin hast du automatisch weniger Privatheit als das heterosexuelle Pendant. Deine reine Existenzberechtigung wird diskutiert. Das wird sie in der Gesellschaft eh schon, aber da wird sie das auch noch von deinem Arbeitgeber, der mit seiner Meinung eo ipso die moralischen Ansichten vieler bestimmt.
    Das heißt natürlich nicht, dass ich nicht grundsätzlich mit dir in dem Punkt übereinstimme, dass man seine Rechte offen einfordern und dabei nicht bei Schwierigkeiten einfach gleich aufgeben sollte. Ach, ich weiß doch auch nicht..
    Hanna


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